Essay · Bewertung & Selektion
Wir glauben zu messen,
was wir nur interpretieren
Die Illusion der objektiven Hundebewertung — ein Essay aus vier Jahrzehnten Praxis
Zwei Malinois im Training. Was wir sehen — und was wir daraus schliessen — sind zwei verschiedene Dinge.
Wir treffen Entscheidungen über Gebrauchshunde, als wären sie objektiv. Sie sind es nicht. Das habe ich gelernt: Je sicherer wir uns fühlen, desto weniger verstehen wir wirklich.
Kapitel IDer Moment, der alles entscheidet
Ein junger Gebrauchshund steht auf dem Platz. Der Helfer tritt hervor, der Reiz kommt. Der Hund zögert. Einen Moment. Dann stabilisiert er sich und führt die Übung zu Ende. Ergebnis: nicht bestanden. Begründung: Unsicherheit.
Einige Wochen später arbeitet derselbe Hund im Einsatz. Lärm. Unvorhersehbarkeit. Zeitdruck. Der Hund bleibt stabil. Er liefert.
Was wir sehen — und was wir glauben zu sehen
Nur der erste Schritt ist gesichert. Die beiden anderen sind Konstruktionen. Verhalten ist keine Eigenschaft wie Augenfarbe. Es ist eine Reaktion auf eine Situation.
Cortisol ist ein Aktivierungshormon. Ob diese Aktivierung negativ oder funktional ist, lässt sich aus dem Wert allein nicht ablesen. In allen Fällen wird Messung mit Bedeutung verwechselt.
Die Systeme, die uns täuschen
Die Veterinärmedizinische Universität Wien analysierte 2021 insgesamt 34 Studien zu 19 Verhaltensbeurteilungsverfahren. Ergebnis: Für keines der 19 Verfahren wurden alle relevanten Testparameter ausreichend untersucht. (Wehner, 2021)
Patronek und Bradley (2016): Bei realistischen Häufigkeiten von Aggressivität sind bis zu 60% der positiv getesteten Hunde falsch-positiv. Drei von fünf als «gefährlich» eingestuften Hunden sind es nicht.
Zucht — das Versprechen der Kontrolle
Was vererbt werden kann, sind keine festen Verhaltensweisen, sondern Dispositionen — Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Reaktionsmuster. Zucht kann Rahmenbedingungen beeinflussen. Sie kann keine Ergebnisse garantieren.
Kapitel VWas folgt daraus?
Nicht: «Dieser Hund ist unsicher.» Sondern: «In dieser Situation hat der Hund gezögert.» Die erste Aussage schliesst ab. Die zweite bleibt offen. Eine einzelne Prüfung ist ein Datenpunkt — nicht mehr.
Über vierzig Jahre Arbeit mit Hunden. Schlittenhundesport (Schweizer Meister 2004), Lawinen- und Rettungshunde, Herausgeber «Der Belgische Schäferhund: 125 Jahre».
Freier Autor · belgischerschaeferhund.com · Bad Ragaz
- Patronek, G. J., & Bradley, J. (2016). No better than flipping a coin. Journal of Veterinary Behavior, 15.
- Wehner, L. (2021). Systematische Literaturübersicht zur Verhaltensbeurteilung. Diplomarbeit, Vet. Universität Wien.
- Beerda et al. (1998). Cortisol responses in dogs. Applied Animal Behaviour Science, 58.
- MacLean et al. (2019). Heritable breed differences in dog behaviour. Proceedings Royal Society B, 286.