Essay · Bewertung & Selektion

Wir glauben zu messen,
was wir nur interpretieren

Die Illusion der objektiven Hundebewertung — ein Essay aus vier Jahrzehnten Praxis

Tanino Gaetano Chiavaro·Freier Autor und Publizist·Ausgabe 2026
Zwei Malinois im Training

Zwei Malinois im Training. Was wir sehen — und was wir daraus schliessen — sind zwei verschiedene Dinge.

Wir treffen Entscheidungen über Gebrauchshunde, als wären sie objektiv. Sie sind es nicht. Das habe ich gelernt: Je sicherer wir uns fühlen, desto weniger verstehen wir wirklich.

Kapitel I

Der Moment, der alles entscheidet

Ein junger Gebrauchshund steht auf dem Platz. Der Helfer tritt hervor, der Reiz kommt. Der Hund zögert. Einen Moment. Dann stabilisiert er sich und führt die Übung zu Ende. Ergebnis: nicht bestanden. Begründung: Unsicherheit.

Einige Wochen später arbeitet derselbe Hund im Einsatz. Lärm. Unvorhersehbarkeit. Zeitdruck. Der Hund bleibt stabil. Er liefert.

Der Unterschied liegt nicht im Hund. Er liegt in der Art, wie die Beobachtung eingeordnet wurde.
Drei unbequeme Wahrheiten nach vierzig Jahren Praxis
1
Tests zeigen nicht, was sie versprechen. Ein Hund kann im Test scheitern und im Einsatz glänzen.
2
Genetik ist keine Garantie. «Gute Linien» sind statistische Wahrscheinlichkeiten, keine individuellen Gewissheiten.
3
Bewertung ist nie objektiv. Zwei Experten sehen dasselbe Verhalten — und ziehen unterschiedliche Schlüsse.
Kapitel II

Was wir sehen — und was wir glauben zu sehen

BeobachtungDer Hund zögert. — Das ist ein Fakt.
InterpretationDas bedeutet Unsicherheit. — Das ist eine Annahme.
ZuschreibungDer Hund ist unsicher. — Das ist eine Generalisierung.

Nur der erste Schritt ist gesichert. Die beiden anderen sind Konstruktionen. Verhalten ist keine Eigenschaft wie Augenfarbe. Es ist eine Reaktion auf eine Situation.

Cortisol und der Irrtum der Eindeutigkeit

Cortisol ist ein Aktivierungshormon. Ob diese Aktivierung negativ oder funktional ist, lässt sich aus dem Wert allein nicht ablesen. In allen Fällen wird Messung mit Bedeutung verwechselt.

Kapitel III

Die Systeme, die uns täuschen

Was die Forschung sagt

Die Veterinärmedizinische Universität Wien analysierte 2021 insgesamt 34 Studien zu 19 Verhaltensbeurteilungsverfahren. Ergebnis: Für keines der 19 Verfahren wurden alle relevanten Testparameter ausreichend untersucht. (Wehner, 2021)

Patronek und Bradley (2016): Bei realistischen Häufigkeiten von Aggressivität sind bis zu 60% der positiv getesteten Hunde falsch-positiv. Drei von fünf als «gefährlich» eingestuften Hunden sind es nicht.

Das System produziert Entscheidungen. Nicht Erkenntnisse.
Kapitel IV

Zucht — das Versprechen der Kontrolle

Was vererbt werden kann, sind keine festen Verhaltensweisen, sondern Dispositionen — Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Reaktionsmuster. Zucht kann Rahmenbedingungen beeinflussen. Sie kann keine Ergebnisse garantieren.

Kapitel V

Was folgt daraus?

Nicht: «Dieser Hund ist unsicher.» Sondern: «In dieser Situation hat der Hund gezögert.» Die erste Aussage schliesst ab. Die zweite bleibt offen. Eine einzelne Prüfung ist ein Datenpunkt — nicht mehr.

Vielleicht liegt der grösste Irrtum nicht darin, dass wir zu wenig wissen — sondern darin, dass wir vergessen, wie viel von dem, was wir für Wissen halten, auf Interpretation beruht.

Über den Autor
Tanino Gaetano Chiavaro

Über vierzig Jahre Arbeit mit Hunden. Schlittenhundesport (Schweizer Meister 2004), Lawinen- und Rettungshunde, Herausgeber «Der Belgische Schäferhund: 125 Jahre».

Freier Autor · belgischerschaeferhund.com · Bad Ragaz

Quellenangaben
  • Patronek, G. J., & Bradley, J. (2016). No better than flipping a coin. Journal of Veterinary Behavior, 15.
  • Wehner, L. (2021). Systematische Literaturübersicht zur Verhaltensbeurteilung. Diplomarbeit, Vet. Universität Wien.
  • Beerda et al. (1998). Cortisol responses in dogs. Applied Animal Behaviour Science, 58.
  • MacLean et al. (2019). Heritable breed differences in dog behaviour. Proceedings Royal Society B, 286.